mini
Ökumene

Ein paar Bemerkungen zur Geschichte des Begriffs:

Unter dem Begriff der «OIKUMENE» (wörtlich: «bewohnte Erde») verstanden die Griechen und Römer der Antike den bewohnten und zivilisierten Teil der Welt, d.h. den zum «imperium Romanum» gehörenden, griechisch geprägten östlichen Mittelmeerraum und den lateinisch geprägten westlichen Teil des Mittelmeerraums. Im Gegensatz dazu wurde die Welt der Nichtgriechen und Nichtrömer als «Welt der Barbaren» bezeichnet. Es darf daran erinnert werden, dass das römische Reich ein multireligiöses und multikulturelles Gebilde darstellte, das punkto Grösse die heutige Europäische Union übertraf, und in dem zahlreiche Völker und Kulturen während fast 500 Jahren mehr oder weniger friedlich zusammenlebten. Die Idee eines gemeinsamen Europas wurde hier erstmals Wirklichkeit.

Der Begriff «ökumenisch» ist für uns deshalb wichtig, weil wir davon überzeugt sind, dass dank der Musik und dem gemeinsamen Gesang bestehende Grenzen zwischen Konfessionen und Kulturen überwunden werden können, und dass die Menschen sich beim Musizieren und insbesondere beim Singen öffnen können für die Begegnung mit anderen Menschen und mit sich selbst.

«Wer singt, betet zweimal.» (Augustinus)

Singen ist die Kunst der Atemführung. So kann das Singen auch den einzelnen Menschen Öffnung, Stärkung und Vertiefung bringen. Am Anfang einer Probe fühlt man sich oft nach einem langen Arbeitstag müde und ausgelaugt, nach den ersten Atem- und Stimmbildungs-übungen regeneriert sich der menschliche Körper und Geist erstaunlich schnell, am Schluss einer Probe fühlt man sich erholt und entspannt. Der Gesang und die Musik gibt uns Menschen wieder neue Kräfte. Ein Gedicht des deutschen Romantikers Josef von Eichendorff beschreibt diese Entdeckung der Musik treffend:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Unsere westliche Wohlstandsgesellschaft wird heute von einem unglaublichen Materialismus und Egoismus geprägt. Übersättigung, kulturelle Abgestumpftheit und religiöse Gleichgültigkeit sind häufig zu beobachtende Phänomene. Wir sind deshalb überzeugt, dass wir im gemeinsamen Chorgesang eine höchst sinnvolle und bereichernde Tätigkeit im Dienste unserer abendländischen Kultur und Tradition ausüben. Wenn es uns gelingt, unsere Freude und Begeisterung am Singen und an der Musik auch auf andere Menschen zu übertragen, ist dies die Krönung unserer Bemühungen. Ich hoffe, dass der Ökumenische Kirchenchor noch viele gemeinsame Stunden und Erlebnisse im Dienste der Musik haben darf.

Ad multos annos!


Urs Grazioli, ehem. Dirigent & Ehrenmitglied